Fertig vor 5
Stufe 1, Lektion 7 von 8

Was es nicht weiß

Etwa 20 Minuten

Ein Kollege lässt sich eine Unterrichtsreihe zum aktuellen Lehrplan seines Fachs vorschlagen. Das Ergebnis ist ordentlich und zwei Jahre alt. Die Kompetenzformulierungen stammen aus der vorletzten Fassung, ein Thema, das inzwischen gestrichen wurde, steht noch drin. Er fragt nach, das Modell entschuldigt sich und liefert eine Variante, die genauso alt ist.

Es war nicht nachlässig. Es weiß es nicht besser. Und es gibt drei Gründe dafür.

Grund 1: Der Stichtag

Ein Modell lernt aus Texten bis zu einem bestimmten Datum, dem Trainingsstand. Was danach passiert ist, kennt es nicht: neue Lehrpläne, neue Prüfungsformate, neue Werkzeuge, das Schulgesetz von letztem Jahr. Je nach Modell liegt der Stichtag einige Monate bis über ein Jahr zurück.

Wenn das Werkzeug im Netz suchen darf, kann es Neueres finden (Lektion 3). Aber nur, wenn es sucht. Aus dem Gedächtnis antwortet es immer mit dem Stand des Stichtags, und zwar genauso sicher wie bei allem anderen. Für Lehrpläne, Verordnungen und Fristen heißt das: Dokument mitgeben oder suchen lassen, nie aus dem Gedächtnis.

Zwölf Kalenderblätter in einer Reihe. Bis Juni sind sie voller Notizen, ab Juli leer. Dazwischen eine Linie mit der Aufschrift Stichtag.

Grund 2: Dein Standort ist nicht der Durchschnitt

Das Modell hat sehr viel aus Deutschland gelesen und noch mehr aus den USA. Von einer Deutschen Auslandsschule in Chiang Mai, Sydney oder Kuala Lumpur hat es sehr wenig gelesen. Es kennt den Begriff, aber nicht den Alltag: zweisprachige Zeugnisse, das Deutsche Internationale Abitur, Ferien im lokalen Kalender, Eltern, die kein Deutsch lesen.

Wenn du nichts sagst, bekommst du Bayern. Das ist kein Vorwurf, das ist Statistik. Dein Profil aus Lektion 5 ist der Ort, an dem du das Modell nach Chiang Mai holst. Ein Satz reicht: "Deutsche Auslandsschule, zweisprachig, lokales Schuljahr Mai bis März, DIA statt Landesabitur."

Grund 3: Verzerrungen aus dem Lesestoff

Das Modell hat gelernt, was im Internet steht. Im Internet steht nicht die Welt, sondern das, was Leute aufgeschrieben haben. Dadurch hat es Schlagseiten. Ein "typischer Ingenieur" ist in seinen Beispielen oft ein Mann, eine "typische Grundschullehrerin" eine Frau. Beispielkinder heißen Max und Lena, nicht Nattapong und Aisha. Ein "normales Zuhause" hat zwei Eltern und ein Kinderzimmer.

Die Hersteller arbeiten dagegen, und es wird besser. Aber es bleibt deine Aufgabe, hinzuschauen. Besonders bei allem, was Schüler lesen: Beispiele, Namen in Textaufgaben, Bilder, Rollen in Geschichten. Du entscheidest, wer in deinem Arbeitsblatt vorkommt. Das Modell liefert dir nur den Durchschnitt seiner Lektüre.

Was es sonst noch nicht weiß

  • Deine Kinder. Nichts über die 7b, es sei denn, du beschreibst sie (ohne Namen).
  • Deine Schule. Keine Hausordnung, kein Leitbild, kein Zeugnisformat, keine Konferenzbeschlüsse.
  • Was gestern war. Keine Tageszeitung, kein Wetter, kein Vertretungsplan.
  • Was du schon probiert hast. Jeder Chat fängt bei null an.

All das ist nicht schlimm, solange du es weißt. Es ist der Grund, warum die ersten zwei Minuten eines Chats dem Kontext gehören und nicht der Aufgabe.

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